In diesem Jahr muss ich erstmals einsehen, dass Weihnachten für mich zu einer abstrakten Größe geworden ist. Ich empfinde rein gar nichts – trotz all der bunten Weihnachtsbaum-Kugeln, die mir allenthalben entgegenblitzen. Ist es das Alter? Ist es die Müdigkeit von all den Verkaufsbemühungen im Einzelhandel, der bei mir auch die letzte vorsichtig aufkeimende Stimmung killt und nur Abwehr hinterlässt? Keine Ahnung …
Ich glaube das Leben in Deutschland geht mir immer mehr auf den Zeiger. So viel Ungerechtigkeit, so viel Shareholder Value … Vorstandsvorsitzende und der DAX sind in diesen Zeiten präsenter als je zuvor in meinen fast 50 Jahren auf dieser Welt. Es würde mich nicht wundern, wenn Ackermann und Co. in einigen Jahren bekannter sind, als die Superstars im Sport oder der Musik.
Scheinbar geht es immer mehr nur noch darum, was Gewinn bringt – und was nicht. Irgendwann sind wir alle so effektiv, dass man pro Firma nur noch einen Mann braucht. Ich bin schon sehr gespannt darauf, was der Rest dazu sagen wird …
Auf der anderen Seite empfinde ich immer mehr Enge und Zwang in diesem Land. Ich habe das Gefühl, dass man jede Eventualität in Gesetze fassen will – so absurde Ausmaße das bisweilen auch annimmt. Die Privatsphäre wird immer weiter eingeengt und der öffentlich-rechtliche Rundfunk würde wahrscheinlich auch mit 20 Milliarden Euro im Jahr nach mehr Geld schreien. Nirgendwo ist es genug und aus ehemaligen Schamgrenzen scheint eine Schwäche geworden zu sein, die es zu therapieren gilt.
Für mich wird es immer schwieriger die Dinge auszublenden, die in meinen Augen falsch laufen. Zum Glück gibt es immer noch viel Schönes. Für mich ist das vor allem Familie, Musikmachen und Fotografieren. Ich hoffe, dass auch du dir Schönes bewahren kannst – was immer das sein mag.
Unabhängig von meinem fehlenden Gefühl für diese festliche Zeit wünsche ich dir schöne Weihnachten. Ich werde mich bemühen, im nächsten Jahr wieder etwas optimistischer zu klingen.
Jörn Daberkow
