Untersuchungshaft: Was kostet ein Tag?

Ab und an „begegnen“ einem Fakten, die lassen einen ungläubig stehen. Dinge, bei denen einem nichts mehr einfällt. Untersuchungshaft, bzw. die dafür vorgesehene Entschädigung ist so ein Fakt. Stell‘ dir vor, du kommst in den Knast. Das passiert in diesem Land jeden Tag. Ich gehe davon aus, dass es in den meisten Fällen die Richtigen trifft, doch was ist, wenn es den Falschen, also z. B. Dich (ja, genau Dich) trifft?

Gehen wir davon aus, dass Du in Untersuchungshaft genommen wirst. Untersuchungshaft ist kein Scherz und für „Ungeübte“ eine schreckliche Erfahrung. Nur Du, bis zu 23 Stunden in einer ca. 9 qm großen Zelle. Es gibt keine Privatsphäre. Duschen darfst Du zweimal die Woche. Eine Stunde pro Tag darfst Du ein paar Runden im Hof drehen – unter Umständen gemeinsam mit somalischen Piraten, Mördern, Dieben und Junkies. Neben dir schreien andere Menschen ihre Verzweiflung heraus – oder bringen sich um. Du selbst beginnst an Deinem Verstand zu zweifeln, kannst Dich nicht mehr spüren und fängst an zu halluzinieren. Deine Eltern dürfen Dich alle 14 Tage besuchen. Deine Frau / Dein Mann einmal wöchentlich. Wohlgemerkt: Es handelt sich immer noch um Untersuchungshaft. Du bist nicht verurteilt worden.

Irgendwann stellt sich im Idealfall heraus, dass Du unschuldig bist. Dann greift die für Unschuldige vorgesehene Verarschung “Entschädigung” von 25 Euro pro Tag. Diese 25 Euro sind als Pauschale für „immaterielle Schäden“ (Deine Zeit im Knast) zu sehen. Stell‘ Dir einfach vor, Du hättest hinter Gittern eine Uhr. Dann könntest Du Dich (im schlimmsten Fall 6 Monate lang) jede Stunde auf 1,04 Euro „Entschädigung“ freuen (noch abzüglich der unfreiwilligen „Verpflegung“, die 6 Euro pro Tag kostet).

1,04 Euro, die man stündlich anstelle des draußen vergehenden Frühlings und Sommers gutgeschrieben bekommt? Sind

  • ein Tag in Freiheit
  • ein Tag im Kreis der Familie
  • ein Tag unter Freunden, oder
  • ein Tag allein im Frühling in der Sonne am Elbstrand sitzend

wirklich nur 25 Euro Wert? Und wie heißt eigentlich die Steigerung von verdammte Sauerei?

Meine Meinung: Wenn kein Geld für Gerechtigkeit da ist, dann muss halt mal eine Bank weniger gerettet werden.

Ich habe das Gefühl, dass Untersuchungshaft als “verfahrenssichernde Ermittlungsmaßnahme” viel zu billig ist und dementsprechend sorglos damit umgegangen wird. Wie ich auf „sorglos“ komme? Einmal wegen der Infos aus diesem PDF und – Zitat aus Wikipedia zum Thema Untersuchungshaft:

  • Gegenüber dem Beschuldigten muss zunächst dringender Tatverdacht vorliegen. Dringender Tatverdacht liegt vor, wenn aufgrund des gegenwärtig ermittelten Sachverhalts eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass der Beschuldigte als Täter oder Teilnehmer einer Straftat verurteilt wird.

Wikipedia schreibt weiter, dass

  • In der überwiegenden Anzahl der Fälle … im späteren Gerichtsverfahren jedoch keine Haftstrafe verhängt (wird).

Es läuft offenbar etwas schief, wenn zum größten Teil Menschen in Haft genommen werden, die sich in späteren Gerichtsverfahren wie durch ein Wunder als unschuldig, oder zumindest als nicht schuldig genug für den Knast entpuppen.

Immerhin wissen wir nun, was dem Gesetzgeber, also unseren gewählten Volksvertretern, ein Tag im Leben eines (unschuldigen) Menschen wert ist: 25 Euro.

Halleluja

Jörn Daberkow

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8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Man darf auch nicht vergessen, dass während der Zeit der Untersuchungshaft in der Regel die privaten Finanzen und Abhängigkeiten zum Teufel gehen. Dafür sieht der Gesetzgeber meines Wissens nach die Möglichkeit einer Entschädigung vor.

    Die muss aber eingeklagt werden. Und nach mehreren Monaten Untersuchungshaft gibt es nicht mehr viele, die nach unschuldiger Haft noch genug Geld und Kraft haben, diesen Kampf erneut aufzunehmen.

    Mich würde wirklich mal interessieren, wie oft Untersuchungshaft ohne anschließende Verurteilung mit Haft angeordnet wird, prozentual gesehen …

  2. Absolut. Letztens war ein Artikel auf SPON zu lesen, da wurde jemand nachträglich rehabilitiert, der unschuldig Jahre hinter Gittern saß. Die “Entschädigung” für ein zerstörtes Leben ist ein schlechter Witz. Wenn einem nicht spätestens nach so einem Erlebnis Mordgedanken kommen, dann weiß ich’s auch nicht.

  3. Wenn der Verdächtigte aufgrund von Indizien, Zeugenaussagen und der Beweise, mit an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit, als Täter in Frage kommt und dann noch Gefahr für die Allgemeinheit besteht, bin ich für Untersuchungshaft. In allen anderen Fällen “In dubio pro reo” bis eine richterliche Klärung da ist.
    Unfassbar wie man mit Menschenrechten umgeht und welche Wertschätzung man vom Staat, im Falle von ungerechten Freiheitsentzug, widerfährt.

    • Hallo Peter,

      “vom Staat” klingt für mich hier schon zu anonym. Es sind tatsächlich die Leute, denen wir unsere Stimme gegeben haben. Genau denen ist ein freier Tag in unserem Leben 25 Euro Wert.

      In meinen Augen ein Skandal / eine Sauerei – ich könnte hier endlos fortfahren …

    • “wertgeschätzt” oder meinetwegen auch “gewertschätzt” werden wir doch eher sehr begrenzt…, wenn überhaupt, dann noch als Wahlvieh…

      …und dann wundern sich die Typen, daß so viele Menschen die Schnautze voll haben…

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