Meine erste Begegnung mit dem neuen Renault Twingo fand bereits im November 2008 statt. In Andalusien fuhr ich den kleinen Franzosen in 10 Tagen weit über 1.000 Kilometer und mein Eindruck war durchaus gemischt. Vor allem in optischer Hinsicht hatte ich so meine Zweifel, ob der Twingo das Zeug zum Erfolgsmodell hat …
Formensprache

Der Twingo der ersten Generation hatte eine recht eigenständige Form. Als ich dann in der Motorpresse die ersten Bilder des Nachfolgers sah, war ich irgendwie enttäuscht. Ich hatte etwas ähnlich Gewagtes wie beim Vormodell erwartet. Aber so mutig wie beim alten Modell war man beim neuen Twingo dann nicht mehr …
Der neue Twingo zeigt durchaus ein eigenes Gesicht. Dieses fällt allerdings hauptsächlich durch das (scheinbare) Fehlen eines Kühlergrills auf. Unterhalb der Motorhaube findet sich dann aber doch ein schmaler Schlitz und – noch etwas tiefer – ein größerer Bereich, der kühlende Luft zum Motor lenkt.
Von der Seite betrachtet wirkt der neue Twingo einerseits etwas höher und andererseits etwas kürzer als der Vorgänger. Die Linie ist in meinen Augen leider deutlich langweiliger gewöhnlicher. Das Heck soll wohl an das des vorigen Megane erinnern – und das gelingt sogar ein wenig, doch für meinen Geschmack war das eine glatte Fehlentscheidung … Falls es für Renault ein Trost ist: Ich habe in dieser Wagenklasse nur selten einen wirklich gelungenen Heckabschluss gesehen.
Gleich geht‘s los …
- Spiegel? Passt.
- Sitzhöhe? Passt.
- Schaltung? Leichtgängiges und präzises 5-Gang Getriebe.
- Rundumsicht? Gut.
Der Motor
Renault setzt im Twingo eco² Sondermodell einen 16-Ventil-Benzinmotor mit 1,2 Liter Hubraum und 43 kW (ca. 57 PS) ein, der den CO2-Ausstoß auf 120 Gramm pro Kilometer senken soll. Ich konnte das aus nahe liegenden Gründen nicht nachmessen, vertraue aber darauf, dass diese Angaben stimmen.
Die Renault-Maschine fühlt sich ziemlich „schwach auf der Brust“ an. Wer es eilig hat, ist auf hohe Drehzahlen angewiesen. Ich bin ganz gewiss kein Raser, aber im Twingo fühle ich mich untermotorisiert. Beim eco² weiß allerdings jeder, dass die Zielsetzung nicht Sportlichkeit, sondern ein geringer Verbrauch und gute CO2-Werte sind.
Ob viel Motorleistung auch viel hilft, sei eh‘ dahingestellt. Zwischendurch hatte ich ein unausgesprochenes Autobahn-Wettrennen mit jemandem, der hinter dem Steuer eines C-Klasse-Mercedes saß. Das Auto hat über 120 PS …
Das Rennen begann kurz nach der dänischen Grenze, also von Harrislee nach Hamburg. Die Autobahn war recht voll. Wir beide haben dann ordentlich „Stoff“ gegeben. Als der Mercedes nach kurzer Zeit aus meinem Blickfeld verschwand dachte ich, dass das Rennen gelaufen sei – war es aber nicht, denn mehrere Staus und eine einzige „Ums-Eck-geh‘-Pause“ des „gegnerischen Fahrers“ genügten bereits, um mich vor das nominell schnellere Auto zu setzen – und das Rennen tatsächlich zu gewinnen. Das wäre natürlich nicht möglich gewesen, wenn die Autobahn komplett frei gewesen wäre, andererseits: wann ist sie das schon mal?
Unter solchen Umständen freue ich mich mehr über einen geringen Verbrauch, als über eine beeindruckende Motorleistung, die sich kaum sinnvoll umsetzen lässt.
Fahrwerk, Fahrgeräusche, Fahrgefühl
Trotz der eher „verhaltenen“ Motorleistung bringt es Spaß den Twingo zu fahren. Das ist vor allem seinem angenehm-komfortablen Fahrwerk zu verdanken. Es ist nicht zu weich abgestimmt, filtert Bodenunebenheiten aber ausgezeichnet heraus. Auch die Fahrgeräusche halten sich sehr in Grenzen. Dieser Twingo war mit 165/65 R14 Ganzjahresreifen von Pirelli ausgerüstet. Dieser Reifen ist auch bei Nässe wunderbar griffig und produziert so gut wie keine Abrollgeräusche. In Sachen Fahrkomfort erreicht der Twingo somit die volle Punktzahl.
Aufgefallen
Die Rücksitze sind als Einzelsitze sowohl vom Innen-, als auch vom Gepäckraum getrennt verschiebbar. Man kann sich jederzeit entscheiden, ob man viel Gepäck oder (auch große) Personen (und dann wenig Gepäck) im Auto mitnehmen möchte. Bei maximaler Beinfreiheit hat man hinten immer noch deutlich mehr Platz für Gepäck, als z. B. in einem Smart. Sehr gut!
Der Einstieg auf die Rücksitze gestaltet sich bequemer, als man auf den ersten Blick bei diesem Auto vermuten würde. Die Vordersitze lassen sich sehr weit nach vorne schieben und geben dann viel Raum für den Einstieg nach hinten frei.
Klang & Klima-Paket
Aus welchem Grund man ein Paket aus Klimaanlage und Radio / CD-Player schnürt, entzieht sich mir komplett. Mitbezahlt wird es ggf. dann trotzdem, denn es gehört beim Twingo eco² dazu. Ich könnte mir vorstellen, dass viele auch gern auf die Klimaanlage verzichten würden, weil sich damit viel Geld sparen ließe. Die Klimaleistung (also kühlen) empfinde ich bestenfalls als mäßig. Klar, ich will bei eigeschalteter Klimaanlage nicht auf dem Fahrersitz tiefgefroren werden, aber ein bisschen kühler dürfte es schon sein. Zudem hapert es an der Luftverteilung. Es ist nämlich im Gegenzug sehr schwer, sich warme Füße zu verschaffen. Da unten kommt einfach nicht genug warme Luft hin.

Zum Paket gehört auch ein Radio mit CD-Player und eingebauten Lautsprechern. 2 Hochtöner sind oben in der Armaturentafel eingelassen. Die 2 Basslautsprecher tönen in den Vordertüren. Der Klang gefällt mir sehr gut. Die Lautstärke lässt sich zudem direkt am Lenkrad nach Wunsch dosieren. Klasse!
Verarbeitung
Wer denkt, dass französische Autos schlecht verarbeitet sind, liegt falsch – zumindest im Falle des Twingo, denn der ist wirklich exzellent zusammengebaut. Überall sehe ich kleine Spaltmaße und alles sitzt gerade. Beim Fahren fühlt es sich an, als ob das Auto aus einem Stück wäre. Nichts Klappert.
Was mir nicht gefällt, ist der verwendete Kunststoff für die Armaturentafel und die Seitenverkleidungen. Beides ist zwar strukturiert, aber genau diese Strukturierung wirkt etwas billig. Die Verarbeitung ist jedoch auch hier ohne jeden Tadel.

Zu wem passt der Renault Twingo?
Ich sehe hier Single- oder Zwei-Personen-Haushalte, die keinen großen Wagen brauchen. Dennoch können hier (bei wenig Gepäck) auch locker 2 Mitfahrer auf der Rückbank transportiert werden – bei wirklich extrem viel Beinfreiheit. Sollte doch mal viel Gepäckraum benötig werden, lassen sich die Rücksitze doppelt umklappen. Damit ergibt sich dann eine große, komplett ebene Ladefläche, die sich auch für sperrige Güter nutzen lässt.
Angezogen Eingestiegen fühlt sich das Auto im ersten Moment etwas eng an. Wenn man aber erstmal alles passend hingeschoben hat, ergibt sich eine schöne Sitzposition, aus der man das Auto entspannt bewegen kann.
Fazit
Der neue Renault Twingo hat wie jedes Auto Stärken und Schwächen. Die Leistung des Motors überzeugt mich nicht – zumindest nicht in Sachen Sportlichkeit. Es dauert etwas, bis man das gewünschte Tempo erreicht hat, aber hat man es erstmal erreicht und legt damit im Bereich bis 120 Km/h längere Strecken zurück, ergibt sich ein erfreulich niedriger Verbrauch und genau das ist (neben dem guten CO2-Wert) die Stärke des Twingo eco².
Neben dem geringen Verbrauch bietet der kleine Franzose auch einen wirklich befriedigenden Komfort. Federung und Sitzposition sind sehr gut und das Auto ist schön leise.
Die Abstimmung der Servolenkung ist schon extrem gut gelungen, denn sie bietet sowohl im Stand, als auch beim Fahren das optimale Maß aus Lenkunterstützung und „gefühltem Fahrbahnkontakt“.
Auch beim Innenraumkonzept haben unsere französischen Nachbarn einen guten Job gemacht, denn gerade wegen der getrennt verschiebbaren Rücksitze lässt sich der nun mal recht begrenzte Raum sehr variabel nutzen (viel Gepäck oder viel Beinfreiheit). Einzig die Klimatisierung und die Luftverteilung überzeugen nicht.
Der Twingo eco² wurde für all jene gebaut, die sich Komfort, Variabilität und einen niedriger Verbrauch / Schadstoffausstoß wünschen. Diese Ziele hat Renault mit Bravour erreicht und damit ein Auto auf die Räder gestellt, das trotz der Einschränkungen auch Freude bereitet.
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14. Juli 2009 um 11:07 Uhr
hallo jörn,
sach ma, hast du’n rote-auto-fetisch? ;-)
14. Juli 2009 um 11:12 Uhr
Lach! :-D
Nee, aber die lassen sich in der Bildbearbeitung immer so schön vor dem Hintergrund freistellen. :-D
Jörn
14. Juli 2009 um 18:38 Uhr
Und wie hoch ist nun der Verbrauch im Praxistest?
Gruß, Ulf
14. Juli 2009 um 18:50 Uhr
Hallo Ulf,
bei vorsichtiger Fahrweise kommt mit weniger als 6 Litern aus.
Jörn
14. Juli 2009 um 21:52 Uhr
hehehe, vorsichtige fahrweise ;-)
bei vorsichtiger fahrweise schluckt mein neuer auf der autobahn 5,3 Liter, auf Landstrasse und innerorts kombiniert 6,3 liter…..leider macht es manchmal nur zu viel spass, mal etwas zügiger zu fahren, weil der motor schon bischen bumms hat und die karre nix wiegt ;-)
viele grüße,
heiko
15. Juli 2009 um 05:28 Uhr
Hallo Heiko,
was fährst du denn – und welche Maschine steckt drin?
Der Twingo-Verbrauch bezog sich auf Stadtverkehr. Landstraße habe ich nicht gemessen und Autobahn bei 120 habe ich nur “gemerkt”, weil der Tank nicht so richtig leer wurde.
Jörn
18. Juli 2009 um 17:56 Uhr
Na, da freu ich mich doch mal wieder über meinen Drei-Liter-Lupo, der 3 bis 3-einhalb Liter braucht, wenn man normal fährt. Und der ist 7 Jahre alt …
Gruß, Ulf
29. Juli 2009 um 15:19 Uhr
Danke erst einmal für diesen detallierten Bericht!
Als ich die ersten Fotos vom neuen Twingo gesehen habe, war ich genauso enttäuscht wie du. Der alte Twingo war wirklich sehr außergewöhnlich und man erkennt ihn auch heute noch zwischen allen anderen Modellen heraus. Der neue Twingo sieht auf den ersten Blick genauso aus wie die neuen Kleinstwagen-Modelle von Nissan und Citroen.
Anscheinend hatte Renault in den Zeiten der Wirtschaftskrise nicht mehr den Mut zu solch außergewöhnlichen Konstruktionen. Schade…
29. Juli 2009 um 15:24 Uhr
Hallo Timo,
ja, sehe ich wie du. Schade das …
Jörn