Vor vielen Jahren habe ich angefangen, eine Fantasy-Geschichte zu schreiben. Zum Start dachte ich allerdings an etwas deutlich kleineres. Ein paar Zeilen Text, die mehr oder weniger das Alibi dafür sein sollten, meine Musik ins Netz zu bringen. Strange City hat sich dann sehr schnell verselbständigt und inzwischen ist das Projekt so “groß” geworden, dass ich extreme Probleme damit habe, den Überblick zu behalten.
Neben den vielen Figuren, die die Handlung maßgeblich bestimmen, stellt Strange City auch ein Wissens- und Zeitproblem dar. Allein das Kapitel „Geschichte I“ aus dem Abschnitt „Transformation“, in dem es um das alte China (Qin-Dynastie, Kaiser Qin Shi Huang Di, Terrakotta-Armee usw.) geht, erforderte eine umfangreiche Recherche. Zudem galt es bestimmtes Wissen um Orte wie z. B. Xi An in Shaanxi zu erwerben. Hinzu kamen dann noch chinesische Begriffe, die erst „erfunden“ werden mussten – und hier hatte ich eine Menge Glück. Aus China hatte jemand mit mir Kontakt aufgenommen (ja, dort gibt’s Leute, die Deutsch sprechen). Luo hat mir nicht nur beim Übersetzen der ganzen Geschichte geholfen, sondern war auch zur Stelle als es darum ging, einen Namen für das “dritte Geschlecht der Menschheit” – den Tuan Jie – zu finden. Genau so war es auch mit anderen Begriffen, die aus China kommen sollten, die es aber real gar nicht gibt.
Vor kurzem musste ich dann erstmals die Notbremse ziehen, weil ich merkte, dass ich mit meiner herkömmlichen Arbeit über eine normale Textverarbeitung an unüberwindliche Grenzen stoße. Hier half auch kein 24 Zoll Display und keine Lesezeichenliste, hier wollte ich (vorerst) nur noch „analog“ weitermachen. Und so hatte ich in der Textverarbeitung alle Passagen in druckbare, in sich geschlossene Abschnitte, verschoben und das ganze „Material“ ausgedruckt. Mein Plan war, alles zu sichten und zu gucken, ob der zeitliche Verlauf der Handlung noch logisch ist und wie er ggf. „optimiert“ werden könnte, denn wenn ich schon Probleme mit der Geschichte hatte, wie würde es dann erst einem Leser ergehen?
Richtig kompliziert wurde es im Abschnitt Yangshao, mit speziellen eingeschobenen Parts, die “Aus den Erzählungen des Chong How” berichten. Der dramatische Höhepunkt ist eine Begegnung zwischen Dastromon (einem Qisi) und jenem Chong How. Ihre Begegnung gipfelt in einer Vorhersage (Kapitel “Die Faust des Qisi”). Dastromon verliert dabei auf furchtbare Weise sein Leben, kann aber gerade noch erkennen, dass die ungefähr 7.000 Jahre entfernte Zukunft gleichzeitig ihre Gegenwart ist. All das spielt aus unserer Sicht ca. 2.000 Jahre in der Vergangenheit.
Glaubst du mir, dass es schwer ist, hier den Überblick zu behalten? Sorry für meine wirklich sehr weitschweifige Einleitung, aber ich wollte einfach mal erklären, vor welchen Problemen ich mit der Geschichte stehe und warum ich so neugierig auf StoryMill bin …
Zum Programm
Als ich von ASH die Pressemeldung zur neuen Version von StoryMill erhielt wurde mir klar, dass meine „logistischen“ Probleme womöglich bald ein Ende haben könnten, denn StoryMill sollte eine Software sein, die genau solche Probleme wie die, vor denen ich gerade stehe, lösen kann.
Inzwischen läuft StoryMill auf meinem iMac. Die Oberfläche ähnelt verblüffend der von MacJournal – was wohl daran liegt, dass hier mit Todd Ransom derselbe Chefentwickler von Mariner Software seine Hände im Spiel hatte.
Nach dem Programmstart habe ich mich erstmal ans Lesen der Features gemacht. Beim ersten Durchgang war ich allerdings „erschlagen“, denn die Möglichkeiten sind sehr vielfältig und das Konzept hatte ich an dieser Stelle auch noch nicht so ganz verstanden …
Meine Strategie in so einem Fall ist dann, das Programm einfach zu nutzen und bei Bedarf das Handbuch zu fragen, das direkt über das Hilfe-Menü erreichbar ist.
Vorbereitend habe ich dann zuerst die organisatorischen Dinge erledigt:
- anlegen der Charaktere
- anlegen der Orte
- anlegen der Kapitel
Danach wechselte ich auf das Symbol Szenen, Szenen sind logisch zusammenhängende Handlungsteile, die als Ganzes ein Kapitel ergeben. Per Copy&Paste fügte ich alle Szenen der Geschichte ins Programm ein, die ich schon habe. Jede einzelne Szene wies ich dann per Klappmenü einem der drei Kapitel zu.
Ganz wunderbar ist, dass man im selben Dialog jeder der Szenen die darin handelnden Charaktere und Orte zuweisen kann. Das geht ebenfalls über ein Klappmenü, das sich unbemerkt von mir gefüllt hat – nämlich in dem Moment, als ich gleich zu Beginn Charaktere, Orte und Kapitel erstellt habe. Auch das ist klasse gemacht! Hier ergibt sich ganz zwangsläufig eine schöne Strukturierung, weil man sich so viel genauer darüber klar wird, was genau in welcher Szene passiert, wo es passiert und welche Elemente dazugehören.
Überraschend für mich war, dass ich vorher gar nicht wusste, wie viele Personen, Elemente und Orte meine Geschichte inzwischen hat – deutlich mehr jedenfalls, als ich geahnt hatte!
Mitgedacht wurde auch bei Kleinigkeiten. So lassen sich die einzelnen Elemente aus Charaktere und Orte per Drag&Drop sortieren und diese Sortierung erscheint dann auch in den Klappmenüs der Szenenverwaltung. Sehr schön!
Gut gelungen ist auch die Möglichkeit, Szenen einen bestimmten Status zuzuweisen (auch farbig markiert) und über das Kontextmenü auch gleich den zur Szene passenden Ort oder Charakter zu öffnen.
Sehr, sehr gut gemacht!
Schade sind eigentlich nur zwei Dinge
- zwar bekommt man eine tolle Unterstützung beim Schreiben. Der Text wird allerdings nicht besser, soll heißen, dass man immer noch viel Schreibtalent braucht, um einen Bestseller zu produzieren :-)
- dass man pro Szene nur einen Ort zuweisen kann. Ich stand mehrmals vor der Situation, dass ich mich für einen Ort entscheiden musste, obwohl in der Szene mehrere Orte vorkommen.
Fazit
StoryMill ist ein großartiges Programm für Autoren, die gern in einer strukturierten und logischen Programmoberfläche arbeiten. Ich fühle mich sehr schön an die Hand genommen und hatte innerhalb von 2 Stunden mehr überblick in die Charaktere und Handlungsebenen bekommen, als je zuvor. Tatsächlich habe ich endlich wieder Lust bekommen an Strange City weiterzuarbeiten, denn gerade die alten Texte, also das was ganz zu Anfang steht, ist teilweise grottenschlecht und all das zu verbessern hätte ohne StoryMill so viel Arbeit bedeutet, dass ich eigentlich keine Lust mehr dazu hatte. Aber jetzt wieder!
Ich möchte StoryMill wirklich jedem empfehlen, der sich irgendwie mit dem Schreiben von Geschichten beschäftigt. StoryMill ist übersichtlich, hilft bei der Strukturierung aller Elemente der Geschichte und unterstütz einen somit maximal bei der Arbeit.
Jörn

30. Oktober 2008 um 00:26 Uhr
Schöner Bericht.
Beim Schreiben nutze ich auf dem Mac hauptsächlich Scrivener. Dieser hat den Vorteil, nicht nur auf Romane oder Geschichten festgelegt zu sein, sondern jede Art von Text unterstützt, von der wissenschaftlichen Publikation bis hin zum Roman. Besonders für jemanden mit einer eher chaotischen Organisation wie mich ist er ideal, da er mich nicht versucht in ein Schema zu drängen, sondern mir meine verquere Arbeitsweise lässt und trotzdem die Übersicht über alle Recherchen und Notizen bewahrt.
22. Januar 2010 um 21:53 Uhr
Wie bestimmt einige (wenige) wissen, schreibe und vertone ich in meiner Freizeit Hörspiele. Gestern stand ich wieder einmal vor einem Problem: In meinem letzten Hörspiel hatte ich die Charaktere die den einzelnen Sprechern zugeordnet worden sein sollten, nicht richtig im Blick gehabt, dies sollte sich bei meinem neuen Werk ändern. Da kam mir der Gedanke, dass auf moodWay noch der Artikel über StoryMill kursierte, lud kurzerhand die Testversion herunter, war begeistert und kauft das Programm.
Das einzige, was mir jetzt noch fehlt, ist eine intuitive Ideenverwaltung. Momentan mache ich es so, dass, wenn ich irgendwo auf eine gute Idee komme, ich das ganze sofort in Evernote auf dem iPod touch eintippe, was dann ja mit Evernote auf dem Mac synchronisiert wird. Soetwas wünsche ich mir auch noch für StoryMill.
Aber ansonsten: Super Programm!
Philipp
22. Januar 2010 um 21:56 Uhr
Was diese Ideenverwaltung angeht – ich kenne leider nichts passendes …