Monsterschatten

Und wieder eine Radtour. Die gewohnte Route. All die Straßen namens „Feldweg sowieso“. Mitten durch den Wald. Ich liebe es. Diesmal am Abend. Ich will schönes Licht und bekomme schönes Licht. Die Sonne steht perfekt. Hinter mir. Kein Gegenlicht. Ich fotografiere zügig. Erfahrungsgemäß hält so gutes Licht immer nur kurze Momente. Und während ich fotografiere, vergesse ich die Zeit. Wieder mal. Plötzlich finde ich keine Motive mehr. Das Licht hat sich verändert. Als ich das bemerke, weiß ich auch warum. Es ist spät und ich bin allein. In diesem Moment kippt der Nachmittag in die Nacht …

Die Schatten Abseits des Lichts werden zu Monster-Verstecken. Ich spüre ihre Augen in meinem Rücken. Sie sind schnell. Immer wenn ich mich blitzartig umdrehe, nutzen sie Bäume oder Hügel als Versteck. Aber warum? Wozu verbergen sie sich? Ah, ich verstehe!  Das ist ihr Konzept. Die Vorfreude. Sie haben mich längst in der Tasche, doch sie wollen die Jagd genießen. Alles klar, ich hab’ euch durchschaut. Verdammte Brut!

Ich bin mitten im Wald und denke: „Alter, du hast echt zu viele Zombie-Filme geguckt“. Stimmt. Der erste mit 17. Der war garantiert nicht ab 18. Der war vermutlich ab 40. Oder so. Aber ich habe ihn gesehen und nie wieder vergessen. Seit dem mag ich keine Keller mehr. Und keinen Wald bei Nacht. Doch nun bin ich hier. Ich halte an und mache ein paar Fotos. Obwohl mich ein störender Urzeit-Instinkt zur Flucht treiben will. Aber gemach. Ich bin kein Neandertaler. Instinkte? Schön und gut, aber in meinem Körper bin ich der Chef. Kapiert?! Die Sonne sinkt immer tiefer. Gefühlt geht das unheimlich schnell. Mit Betonung auf unheimlich.

Ich packe die Kamera ein und fahre los. Zügig. Sehr zügig. Es ist eng hier. Und ziemlich düster. Wie kann das Licht nur so schnell verschwinden? In der Stadt wäre das kein Problem, doch hier macht sich die Abwesenheit menschlichen Lebens unangenehm bemerkbar. Niemand da. Weit und breit. Hier hätte mich sogar ein grölender Proll beruhigt. Lieber einen Vollidioten in der Nähe als allein. Das letzte Stück liegt vor mir. In der Ferne erahne ich die Straße. Links und rechts abgestorbene Bäume im Moor. Gut, dass ich nur Zombie-Filme gesehen habe. Keine wandelnden Moorleichen. Der Gedanke genügt. Schon sind sie in meinem Kopf. Sie strecken ihre nassen Arme nach mir aus und wollen mich in ihr feuchtes Grab ziehen. Ich beiße die Zähne zusammen und bin durch. Optisch hätte mir niemand was angesehen. Wenn überhaupt sehe ich körperlich angestrengt in die einsame Wildnis.

Auf der Straße ist wieder Zivilisation. Sofort bin ich sauer. Angst? Nicht meine Baustelle! Ab in den nächsten Feldweg! Zurück in den Wald. Ich beweise es mir selbst und schaue trotzdem, ob nicht vor oder neben mir „etwas“ aus der Deckung hechtet, um sich auf mich zu werfen. Flucht und Wut ringen miteinander. Eins meiner Augen tränt vom kalten Fahrtwind. Meine Stirn ist schweißnass.

Irgendwann erreiche ich den See. Wunderschön liegt er im Abendlicht. Keine Wellen. Ich mache ein paar Bilder und bin entspannt. Dackelführer umkreisen den See. Das Abenteuer ist vorbei. Geht gar nicht. Nächstes mal fahre ich etwas später los.

Jörn Daberkow

Veröffentlicht von

Fotografie und Musik sind ein substanzieller Teil meines genetischen Codes und keine freie Entscheidung.

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