DSLR – der Weisheit letzter Schluss?

Das Konzept “Spiegelreflex-Kamera” ist ohne jeden Zweifel erfolgreich, denn wahrscheinlich wurden nie mehr dieser Geräte verkauft und ich glaube auch nicht, dass es in diesem Bereich je eine größere Auswahl an Modellen gab. Die Nachfolger können dann natürlich alles noch besser, sind noch preiswerter und meist werden noch höhere ISO-Werte bei noch weniger Rauschen geboten. Sind wir im Schlaraffenland der Fotografie angekommen?

Noch vor wenigen Monate hätte ich diese Frage ohne nachzudenken mit einem Ja beantwortet. Inzwischen hat bei mir aber ein Nachdenken eingesetzt – nur kann ich das Ergebnis immer noch nicht erkennen …

Der Versuch einer Erklärung

Wer heute eine DSLR kauft, sich ein paar fotografische Grundregeln aneignet und mit Aperture, Lightroom, Photoshop und Co umgehen kann, macht sehr schnell die üblichen guten Fotos – so, wie man sie inzwischen überall sieht – egal, ob in Blogs, oder auf sozialen / fotografischen Netzwerken. Oft entscheidet nur noch, wer zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Das Bild hätte meist jeder machen können – egal, welche Kamera er in der Hand gehabt hätte, oder welche Software am Ende zum Einsatz kommt. Auch wenn es vielleicht nichts ändert, wünsche ich mir für mich weniger Autofokus und mehr Handwerk – in der Hoffnung, dass diese Art „Entschleunigung“ mir dabei hilft, mit weniger Output mehr Eigenständiges abzuliefern.

Im Web suche ich immer wieder nach Sachen, die vom Motiv (!) wirklich „outstanding“ sind. Wenn ich so ein Bild gefunden habe, schaue ich es an und versuche herauszufinden, was das Foto zu etwas Besonderem macht. Manchmal ist es der Blickwinkel und die verwendete Brennweite – oft ist es einfach eine besonders gelungene Komposition, die sowohl in Farbe, als auch in Schwarzweiß funktionieren würde.

Der Stand fotografischer Qualität hat sich überall sichtlich erhöht. Das gilt auch für die Nachbearbeitung, denn ich sehe immer mehr eigentlich gewöhnliche Motive, die in ein übernatürliches Licht gestellt, oder gefiltert wurden. Das ist auch alles toll und – im Wortsinn – „eine Kunst für sich“, trotzdem empfinde ich dabei zunehmend eine gewisse Langeweile …

Ich behaupte: Jeder ist heute in der Lage ein gutes Bild zu machen und ich würde nicht mal darauf wetten, dass ich immer sehe, ob’s eine teure, oder eine billige Kamera war, die verwendet wurde …

Und nein, ich meckere das nicht an, da ich oft selbst genau so arbeite. Ich will auf etwas andere hinaus: Bei aller Qualität, mit der Motive heute abgelichtet werden, scheint mir eine gewisse Beliebigkeit entstanden zu sein …

Ein Beispiel aus der Musik: Hör’ dir David Gilmoure an, wenn er Gitarre spielt – oder Mark Knopfler. Beide haben etwas, das man Wiederkennungswert nennt. Man hört sie aus dem täglichen Allerlei heraus – egal, auf welcher Gitarre die gerade spielen.

In der Fotografie ist die Flut guter Bilder so groß geworden, dass es unheimlich schwer ist, sich wirklich abzusetzen – „outstanding“ zu sein (falls man diesen Ehrgeiz hat) – ganz zu schweigen von einem wiedererkennbaren, eigenen Stil … Ich habe diesen Ehrgeiz, sehe für mich aber nicht, wie ich dieses Ziel erreichen könnte. Aus diesem Grund habe ich angefangen, über mein Equipment nachzudenken – aber nicht im Sinne von “bessere Kamera = bessere Bilder”, sondern konzeptionell.

Mein Equipment ist alles andere als schlecht. Es ist im Gegenteil auch im Vergleich zu anderen Modellen exzellent. Auch ich setze eine sehr schnelle, high-ISO-fähige Kamera ein, die technisch unheimlich gute Bilder abliefert. Irgendwas stimmt aber trotzdem nicht und ich frage mich, was das ist … Hinzu kommt eine mir nicht erklärbare Sehnsucht nach mehr Handwerk – und weniger Autofokus. Natürlich könnte ich mit meiner DSLR auch manuell fokussieren, aber das DSLR-Konzept verhält sich etwas störrisch, wenn es um „manuelle Fotografie“ geht.

Offenbar geht es also nicht um die Qualität des Equipments, sondern um dessen Art … Entschleunigte Fotografie? Ist es das? Ich weiß es nicht. Eine DSLR zwingt mich nicht, schnell zu sein – aber sie lädt auch nicht unbedingt dazu ein, langsam zu arbeiten.

Ich bin gespannt, wohin mich mein aktuelles fotografisches Fragezeichen im kommenden Jahr führen wird …

Jörn Daberkow

Ergänzende Links

  

Fotografie und Musik sind ein substanzieller Teil meines genetischen Codes und keine freie Entscheidung.

26 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Jörn,
    das sind genau die Fragen, die ich mir beim Anblick meiner Kamera und des Zubehörs, das man so braucht, auch immer stelle. Die Antwort habe ich noch nicht gefunden. Aber vielleicht sollte man in der Fotografie einfach seinen Weg gehen, egal was die anderen denken. In diesem Sinne wünsche ich Dir ein gutes und erfolgreiches Jahr 2012.
    Viele Grüße
    Joachim

  2. Ich denke, es werden deshalb so viele DSLRs verkauft, weil die in jedem Blödmarkt inflationär angeboten werden.

    Der “normale” Konsument hinterfragt doch eigentlich gar nicht die unterschiedlichen Kamerakonzepte, sondern kauft dass, was beim Elektro-Discounter palettenweise feilgeboten wird.

    Bestes Beispiel: ein Arbeitskollege möchte seiner Frau für den ersten USA-Urlaub eine digitale Spiegelreflex schenken. Auf meine Frage, weshalb und ob nicht ein anderer Kameratyp, z.B. eine Systemkamera besser geeignet wäre – Schulterzucken … Er dachte halt, mit irgendeiner EOS wird man schon nichts verkehrt machen.

    Und wie überall geht eben auch in der Fotografie mit der Digitalisierung eine gewisse Beliebigkeit einher. Aber zum Glück gibt es auch Typen wie den hier: http://www.stevehuffphoto.com/

  3. Den Kommentar von Dirk kann ich nur unterstreichen. Jemand wünscht sich zu Weihnachten “eine Kamera”. Was wird gekauft? Erfahrungsgemäß fast immer eine EOS (nichts gegen Canon – aber die T3i scheint wohl bei Verkäufern sehr beliebt zu sein). Die Begründung, wenn man nachher fragt? “Eine DSLR macht die besten Bilder”.

    Dass dazu auch zumindest Interesse an der Fotografie – sowohl was Technik als auch was Techniken betrifft – dazugehört, wird meist vergessen. Und dann sollte man sich auch mal fragen, was man eigentlich will. Mit Nikon 1, micro 4/3 und NEX hat man heutzutage Systemkameras für jeden Bedarf zur Wahl – wobei man mit jeder davon gleich gute Ergebnisse wie mit einer SLR erzielen kann – man muss nur wissen, wie man damit umgeht …

    Was dein “Problem” betrifft: Ja, die M9 wäre wohl die Lösung – aber die dürfte außer Reichweite sein. Deswegen frage ich jetzt mal so ganz direkt: Hat dir Fotografieren mit deiner PEN mehr Spaß gemacht (auch was die Ergebnisse betrifft) als mit deiner K5?

    • Hallo Hannes,

      nein! Dann nehme ich doch deutlich lieber meine K-5 in die Hand. Ich brauche immer einen schönen Sucher. Der aus der X100 (Fujifilm) täte es auch, aber nur so über das Display – das ist nicht so meins – obwohl ich es beim iPhone komfortabel finde, da man dort mit einem Fingertipp die Schärfe “legen” kann (geht ja inzwischen auch mit anderen Modellen). Aber für alle Momente, die irgendwie “ernst gemeint” sind, möchte ich einen Sucher haben. Der fehlt mir bei den aktuellen Systemkameras, die mir gerade einfallen.

  4. Vielleicht sollte man mal über Folgendes nachdenken!
    Die fernöstlichen Kamerahersteller haben schon früh erkannt das es nicht so wichtig ist ein realistisches Sucherbild zu haben. Folglich muss man auf manuelles Fokussieren verzichten, weil man das Schärfefeld nur schwer sieht.

    Die Folge war kein besseres Sucherbild sondern ein Display anstatt eines Suchers.

    • Hallo Askan,

      also ich würde nicht auf einen guten Sucher verzichten wollen – du? Klar kann man auch mit einem Display fotografieren (habe ich lange mit der Olympus E-P1 gemacht), aber ich fand das nie so hitverdächtig …

  5. Mehr Spaß macht es mir auf jeden Fall mit Sucher. Die X100 muss ich wirklich mal in die Hand nehmen. Nur leider ist das manuelle fokussieren lt. einigen Berichten nicht das gelbe vom Ei und der AF sitzt nicht immer richtig. Das stört mich zumindest “auf dem Papier”.

    • Hallo Markus,

      da wäre ich an deiner Stelle vorsichtig … Ich habe da so eine Ahnung was passiert, wenn du die X100 in die Hand nimmst.

      Ich meine das ernst … (auch wenn ich gerade ziemlich breit grinsen muss).

          • Mein Schwager hat neben seinen DSLR’s auch die P7000. Die macht erstaunlich gute Bilder für einen “nicht APS-C”-Sensor. Und die Haptik ist gut gelungen, wie ich finde. Der Sucher ist zwar recht kleine aber sie hat wenigstens einen.

          • Ich würde da aus dem Bauch direkt ein klares “Ja” formulieren. Aber man müsste sie einfach mal in verschiedenen Aufnahmesituationen vergleichen. Aufgrund des größeren Sensors wird sie vermutlich weniger rauschen und auch mehr Details liefern. Ob man das auf einem 13×8 Print sehen wird, sei mal dahingestellt. Aber auf jeden Fall hat man mit ihr ein wesentlich besseres Feeling beim Fotografieren als mit einem iPhone :-)

          • Schade, ich kenne bislang keine Seite, die einen Größenvergleich zwischen Kamera- und Smartphone-Sensoren bietet. Vielleicht ist der Sensor der kleinen Nikon ja gar nicht größer?

            Eine Sache muss ich allerdings zugeben: bei “hohen” ISO-Werten wird die Bildqualität beim iPhone sehr schlecht.

          • Das iPhone 4 hatte einen kleineren Sensor (1/3.2″) als jede Kompakte (1/2.3″). Die P7100 hat einen für Kompaktkameras relativ großen Sensor (1/1.7″). Ich kann mir nicht vorstellen, dass das 4S in Sachen Sensor einen so riesigen Schritt gemacht hat. Ich vermute eher, dass der Sensor nicht größer geworden ist. Der Crop Faktor jedenfalls ist 1:8,18 beim iPhone 4S. Bei der P7100 beträgt er 1:4,67.

            Schau übrigens mal hier rein:

            http://www.slashcam.de/artikel/Test/Apple-iPhone-4S-vs-Samsung-Galaxy-S2–Wer-wird-die-slashCAM-HD-Video-Handy-Referenz—alles-.html

  6. Ich lebe im Augenblick auf der Überholspur der Fotografie und Fotoproduktion. Allerdings ist mein Output eher gering, weil mein eigener Anspruch recht hoch ist. Liegt wahrscheinlich daran, dass ich erst seit ca. 1 Jahr mit semiprofessionellem Equipment rumhantiere. Ich bin noch in der Findungsphase, des Ausprobierens, viele Themen, alles interessant. Ich war schon immer ein Technik- und Materialfreak. Das ist wie eine neue, bunte Kaufhauswelt, die sich einem 5-jährigen erst langsam erschließt.

    Das volle Vertrauen in die 51-Fokusmeßfelder (mit 3D-Matrix) meiner D300S hab ich zwar nicht, aber liebe es damit schnelle Szenen einzufangen, was manchmal auch reichlich in die Büchs geht. Trotzdem: Bevor ich mein Zen des Photographierens (Ist Foto mit “Ph” nicht viel, viel schöner anzuschauen?) finden werde, geht wohl noch viel Wasser den Bach runter. Momentan lieb ich es noch Rumzuhuren, mich auszuleben.

    Der Sucher ist mir dabei wesentlich sympathischer als das Display mit Liveview. Es ist alles “direkter”, man konzentriert sich aufs Wesentliche. Das ist mir wichtig, auch wenn ich dafür bauchlängs im nassen Sand liegen muss :D

    • Hallo Peter,

      die Frage ist, wie lange diese Findungsphase anhält, bzw. ob man nicht im Laufe der Zeit immer wieder neue Spuren verfolgt, die die Richtung zum Teil komplett verändern können.

        • Kommt vielleicht drauf an, was man am Ende findet … Vielleicht steht das ja dann für einen komplett eigenen Stil mit hohem Wiedererkennungswert, mit einer Arbeitsweise, die einem alle Möglichkeiten bietet und immer wieder zu wunderschönen Resultaten führt. ;-)

          • Das mit der “Findungsphase” kann ich für mich genauso unterschreiben. Ich habe auch erst im Anfang letzten Jahres angefangen, mich ernster mit der Fotografie auseinanderzusetzen. Neben Materialfragen kommt bei mir auch noch eine “Gratwanderung” zwischen Foto und Video dazu. Und während mein Schrank immer voller mit Objektiven, Viewfindern, Schwebestativen und Terrabyte Festplatten für die Archivierung von Videos und Fotos wird, stelle ich zunehmend fest, dass der Tag nur 24 Stunden hat und ich viel zu selten dazu kommen, Musik zu machen :-)

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