joern

Das Ende vom Lied

| 8 Kommentare

In den letzten Wochen und Monaten wurde ich unfreiwillig Zeuge von Dingen, die meinen Blickwinkel nachhaltig verändert haben.

Diese Dinge zwingen mich nun, Veränderungen vorzunehmen. Meiner Meinung nach leben wir nicht mehr in einer offenen politischen Gesellschaft, sondern in einem „Zustand“, in dem Wirtschaft und gewählte “Volksvertreter” ein Bündnis zum gegenseitigen Vorteil eingegangen sind. Meine politische Meinung ist inzwischen derart, dass ich keinen Beitrag mehr zu schreiben vermag, der mir nicht potenziell Ärger einbringt. Ergebnis: Ich zensiere mich selbst.

Hinzu kommt ein recht schockierendes Erlebnis, das ich im gerade vergangenen Jahr hatte. Dieses Erlebnis hat meinen Glauben an eine gerechte Justiz vollständig zerstört. Ich musste 7 Monate lang mit ansehen, wie ein unschuldiger Familienvater aufgrund einer auf den ersten Blick erkennbar unwahren Anschuldigung in „Untersuchungshaft“ genommen wurde.

Die Anwältin des Beschuldigten hat mehrere Haftprüfungen initiiert, doch die Staatsanwaltschaft war sich am Ende nicht mal zu schade, als Haftbegründung Fluchtgefahr, aufzurufen, weil der Verdächtige angeblich „keine tragfähigen Beziehungen“ hat. Der Staatsanwalt wusste jedoch, dass der Mann eine Ehefrau, Kinder, Geschwister, Eltern, Großeltern und einen sehr großen Freundeskreis hat. Wenn das keine tragfähigen Beziehungen sind – was dann? Und wäre nicht jemand helfend eingesprungen, hätten die Frau und die Kinder auch noch die gemeinsame Wohnung verloren, weil kein Geld mehr da war.

Während der Verhandlungstage sah man einen Staatsanwalt, der sich mit einem optimistischen Lächeln, einem vollen Rollkoffer, aber buchstäblich leeren Händen, im Gerichtssaal tagelang vor einem bisweilen fassungslos-wütenden Richter blamierte (O-Ton Staatsanwalt: „Ich bin nicht der ermittelnde Dezernent!“).

7 Monate „Untersuchungshaft“ später: Am Ende der Verhandlung wurde der besagte Familienvater wegen erwiesener Unschuld freigesprochen. Schadensersatz erhält er nicht. Das vorgebliche Opfer, welches nachweislich gelogen hat, soll nicht belangt werden. Zu sehen, wie die Staatsanwaltschaft und das vorgebliche Opfer mit diesem Unrecht durchkommen, macht mich krank. Der besagte Familienvater steht nun mit Schulden am Abgrund. Und ich werde meine ohnmächtige Wut einfach nicht mehr los …

Ich kann die Themen Justiz und Politik nicht so aufgreifen, wie ich es für richtig halte, weil ich schlicht Angst habe. Immerhin weiß ich nun, dass man in Deutschland trotz tragfähiger Beziehungen und offensichtlicher Unschuld einfach mal monatelang in „Untersuchungshaft“ verschwinden kann. Über andere Dinge zu schreiben (und ich habe wirklich versucht, bei mir so etwas wie Normalität herzustellen) ist mir angesichts meiner Erlebnisse derzeit nicht mehr möglich.

Mir sind zumindest für den Augenblick dermaßen die Worte vergangen, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als für moodway meine Konsequenzen zu ziehen und die Seite so zu konfigurieren, dass meine Bilder in den Vordergrund rücken. Der redaktionelle Teil wird vorerst von Gastautoren bestritten.

Jörn Daberkow, Hamburg, den 30. Januar 2012

Autor: Joern

Fotografie und Musik sind ein substanzieller Teil meines genetischen Codes und keine freie Entscheidung.

8 Kommentare

  1. Hallo Jörn,

    dein Schritt ist nachvollziehbar und leider sehr schade. Deine Unruhe kann man förmlich lesen, deshalb wünsche ich dir baldige Linderung in Form von Ruhe.

    Lass Bilder sprechen, die manchmal so viel mehr sagen können!

    Grüße Sebastian

  2. Da bleibt einem tatsächlich die Spucke weg!
    Dennoch: Kopf hoch!
    Besonders lG,
    Angeli

  3. Joern,

    denk immer dran:

    Alles was sie sagen, was sie denken und reden, egal ob positiv, negativ oder neutral
    wird irgendwann auf sie zurückfallen !

    Gilt übrigens auch für Dich und mich !

    Und gerade weil ich ahne wie Du dich fühlst, halt die Ohren steif !

    Und mach genau das, was Du für richtig hälst.

    Gruss
    Joerg

  4. Was mir durch den Kopf geht: Wenn man 7 Monate Untersuchungshaft, Ungewissheit und Zweifel ausgehalten hat. Und dann kommt man zu seiner Familie zurück. Sieht sich in die Augen. Was ist genau DANN wichtig? Und was weiß man dann besonders zu schätzen? Manchmal ist es nur für einen kurzen Moment so klar… Erleichterung, Liebe, Zusammensein. Die Wut und die Angst kommen vielleicht gleich danach. Schade, dass man die Lücke dazwischen nicht einfach vergrößern kann. Zwischen diesem Moment absoluten Glücks und dem was dies allzu häufig überlagert.
    Vielleicht sollte jemand einmal für diesen Zweck einen “Lückenvergrößerer” entwickeln.

  5. Ich kann verstehen, dass dich dieser Vorfall erschüttert hat. Diese Familie hat Furchtbares durchgemacht, das kann ich mir vermutlich nur im Ansatz vorstellen. Gut, dass sie nun wieder zusammen sind, aber die psychischen Folgen werden noch sehr lange anhalten.

    Erst wollte ich schreiben, dass ich verstehen kann, dass dich dieser Vorfall auf die Barrikaden bringt, aber es passiert ja genau das Gegenteil, was ich nicht vorwurfsvoll meine. Gibt es denn keine Handhabe gegen den eigentlichen Täter, den Lügner? Kann dein Freund denn keinen Strafantrag stellen? Ist das nicht interessant für einschlägige Medien wie Stern(TV) usw.? Muss man das nicht laut herausbrüllen, damit möglichst viele Menschen davon erfahren? Vorausgesetzt, man hält den Rummel aus, den das auslösen würde. Aber erstickt man so nicht daran?

    • Hi Conny, eigentlich wollte ich keinen Antwortkommentar schreiben, aber hier möchte ich doch antworten. Die Sache ist noch nicht ganz durch. Ich weiß, dass die Familie nicht nachlassen wird. Erst geht es den Dienstweg und wenn das nichts nützt, geht es an die Presse. Der Dienstweg ist bereits recht weit ausgeschöpft.

      Ob man daran erstickt? Mehr als jeder Außenstehende denkt …

  6. Schockierend. Man verliert nicht mehr nur das Vertrauen in eine korrupte Polit-Bande sondern auch noch das Vertrauen in die Justiz. Dazu passt ganz gut ein Bericht über den von einem Polizeibeamten ermordeten Benno Ohnesorg, der erst kürzlich im TV lief. Das hat zwar andere Dimensionen, aber es ist schon erschütternd, wie die Polizei, die Staatsanwaltschaft, der Gerichtsmediziner etc. Beweise unterschlugen, fälschten und vernichteten, um den eigentlichen Tathergang im Dunkeln zu lassen.

    Wenn man ein wenig recherchiert, findet man zahlreiche Fälle. Was ist z.B. mit den vier Steuerfahndern, die ihre Arbeit machen wollten und dafür mittels Genfälligkeitsgutachten für psychisch krank erklärt wurden. Man könnte Bücher damit füllen.

    Allerdings glaube ich nicht, dass du deine schreibende Tätigkeit hier einstellen musst oder solltest. So politisch brisant war das m.E. eher nicht.

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